Galerien in München – die Zukunft der Kunstbranche in Zeiten von Corona
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Galerien in München – die Zukunft der Kunstbranche in Zeiten von Corona

23. Mai 2020
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Copyright Fotos: Galerie Kronsbein

Interview mit Galeristin Sarah Kronsbein über die aktuelle Lage und die Zukunft der Kunstbranche

Wie geht es in Zeiten von Corona in den Galerien weiter?

Mehr Social Media, Home Office und temporäre Locations – die Münchner Galeristin Sarah Kronsbein spricht im Interview über die Zukunft ihrer Arbeit: „Der klassische Galeriebetrieb ist überholt“

Anfang des Jahres erfüllte sich Sarah Kronsbein ihren Traum von der eigenen Galerie.  Die 40-Jährige übernahm zum Jahreswechsel die „Galerie Kronsbein“ im Herzen der Münchner City von ihrem Vater Dirk G. Kronsbein, der sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedete. Im Februar feierte sie das Opening ihrer ersten eigenen Ausstellung „Heroes + Heroines“ mit Werken von Russell Young – die erste Solo-Ausstellung des berühmten US-Künstlers in Deutschland! Die Werke sind mit Diamantstaub veredelt und zeigen Ikonen von Marilyn Monroe über Brigitte Bardot bis hin zu James Dean. Geplant waren weitere Kunst-Events wie zum Beispiel ein Ladies Art Lunch, Talks und vieles mehr. Doch dann kam Corona – und machte der Galeristin einen Strich durch die Rechnung: Sie musste ihre Räumlichkeiten, wie alle anderen, schließen. Am Montag, 11. Mai 2020 durfte sie endlich wieder öffnen. Unter geänderten Bedingungen: Sicherheitsabstand und Maske sind nun Pflicht. Wie ergeht es der Münchner Galeristin in dieser Zeit? Wie beurteilt sie die Lage und wie sieht sie die Zukunft des Kunstmarktes und der Galerien? Wir haben nachgefragt.

Wie ist die Resonanz nach der Wiedereröffnung nach dem Lock Down?

SK: „Es waren seit letzter Woche schon einige Kunden bei uns in der Galerie. Es kamen interessanterweise vor allem die Jüngeren, scheinbar sind diese angstbefreiter. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Schulen und Universitäten derzeit noch geschlossen haben. Es ist schön zu sehen, dass die Jugend sich jetzt mit Kunst beschäftigt – auch im Internet. Viele Museen haben während des Lock Down virtuelle Führungen angeboten, was auf große Resonanz stoß. Kunst ist jetzt ein Impuls für die Jugend, aber natürlich auch für die Älteren, Kunst war schon immer ein Balsam für die Seele, das wurde schon bei früheren Krisen deutlich. Kunst ist ein Spiegel der Geschichte, aber auch einer der eigenen Persönlichkeit. Die Menschen haben nun alle sehr viel Zeit zu Hause verbracht: Sie wollen es sich jetzt in den eigenen vier Wänden schön machen. Zum Beispiel mit einem wunderbaren Kunstwerk an der Wand. Ganz nach dem Motto: My home is my castle. Kunst bedeutet Freude und Lebensqualität. Und sie vermittelt einem das Gefühl von Frieden, Wertebeständigkeit und Geborgenheit. Die Kunst bekommt meiner Meinung nach jetzt nicht weniger Aufmerksamkeit, sondern gewinnt für die Menschen an Bedeutung. Sie erfährt mehr Respekt und Wertschätzung.“

Was haben Sie aus der Krise gelernt? Wie hat sich ihre Arbeit verändert?

SK: „Die Erkenntnis aus der Krise ist, dass der Galeriebetrieb sich verändern muss. Das zeichnete sich aber auch schon davor ab. Corona hat es deutlich gemacht, denn in der letzten Zeit waren keine physischen Begegnungen mehr möglich. Die Beratung und der Verkauf erfolgten in dieser Zeit ausschließlich über das Telefon oder das Internet. Social Media wurde und wird auch in Zukunft immer wichtiger. Ich gebe bei Instagram regelmäßig einen Einblick in mein Galerieleben. Das ist persönlicher als eine Website und die Menschen bekommen einen Eindruck von einer Person: ‚Ist mir diese Person sympathisch?‘ Während des Lock Down kamen viele Anfragen via Social Media und auch einige Verkäufe wurden so realisiert. Instagram vermittelt positive Energie und Emotionen. Natürlich ist die Kunst nach wie vor sehr stark mit Emotionen verhaftet. Ein persönlicher Kontakt zwischen Kunde und Galerist ist deshalb nach wie vor sehr wichtig. Aber wie gesagt: es muss nicht zwingend ein physischer Kontakt sein – auch wenn Galeriebesuche nun wieder erlaubt sind. Der klassische Galeriebetrieb ist überholt.“

Wie sehen Sie die Zukunft der Galerien?

SK: „Derzeit können keine Ausstellungen im klassischen Sinne mehr stattfinden: Viele Menschen in einem Raum, bei Wein und Fingerfood… Das ist nicht mehr möglich. Derartige Veranstaltungen sind zwar gut zum „Socialising“ und um Aufmerksamkeit zu erschaffen. Für den Verkauf sind sie aber nicht zwingend nötig. Die Interessenten kaufen nicht unbedingt bei einer Vernissage, sondern vielmehr in einem persönlichen B2B-Gespräch. Sie schauen sich die Werke, die sie interessieren, vorher im Internet an. Vor dem Kauf wollen viele Kunden das Werk noch einmal sehen. Das muss aber nicht zwingend in einer Galerie sein. Es kann genauso gut in einer Privat-Wohnung stattfinden.“

Hat das Modell der klassischen Galerie jetzt ausgedient?

SK: „Schon vor der Krise gab es das große Galeriesterben. Ich denke, das wird sich nun weiter fortsetzen. Wie sollen die Galeristen ihre Mitarbeiter und die Raummieten in der jetzigen Lage bezahlen? Ich denke, der Trend geht auch in unserem Bereich zum Home Office. Die Büroarbeit kann man auch zu Hause erledigen. Und mit den Kunden oder Künstlern kommuniziert man via Facetime. Bei Interessenten aus Asien oder Amerika war das schon vor Corona der Fall. Wir Galeristen müssen nun umdenken. Ich denke, der Trend geht auch in Richtung „Sharing“: Man tut sich für eine Ausstellung mit anderen Galeristen zusammen und mietet für das Opening eine temporäre Location an. Vorausgesetzt natürlich, dass solche Veranstaltungen dann wieder möglich sind. Es muss mehr Miteinander geben. Ich plane auch, demnächst neben klassischer Kunst auch das Thema Interior in die Galeriearbeit zu integrieren. Die Menschen wollen in diesen Zeiten ein ganzheitliches Konzept und nicht in Möbelhaus und Galerie laufen.“

Haben Sie es bereut, die Galerie übernommen zu haben? Ein Start in schwierigen Zeiten.

SK: „Ich habe es keine Sekunde lang bereut, auch wenn ich davor eine „sichere“ Festanstellung in einem Einrichtungshaus hatte. Natürlich ist die Lage für alle, vor allem auch für die Künstler, sehr ernst. Aber man kann die Krise auch als Chance sehen und neue Wege gehen. Auch viele Künstler haben das Internet als neues Medium entdeckt. Giuseppe Veneziano, den wir schon mehrmals ausgestellt haben, vermittelt seine Message derzeit verstärkt bei Social Media. Wir machen aus der Not eine Tugend.“

Interview: Andrea Vodermayr

Copyright Fotos: Galerie Kronsbein

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